Kanzelrede Ralph Jörgens vom 24. Februar 2019 in der Christuskirche

Den Auftakt der Kanzelreden machte am Sonntag, 24. Februar, um 18 Uhr in der Christuskirche Ralph Jörgens. Die Jahreslosung inspirierte ihn zu Gedanken über die Verknüpfung und Zusammenhänge von politischem, gesellschaftlichem und innerem Frieden. Als homo politicus, wie er sich selbst bezeichnet, nahm er das Bild des vernünftigen und friedlichen Menschen unter die Lupe. In Meerbusch ist Jörgens als liberaler Kommunalpolitiker bekannt. Von Haus aus Ingenieur war er im Management bei Airbus und Rheinmetall tätig, lebt seit über 20 Jahren in Meerbusch, ist heute freiberuflich beratend aktiv und initiierte unter anderem die philosophischen Abende im Café Leib und Seele.

Nachfolgend finden Sie seine Kanzelrede.

Sehr geehrte Frau Canaris, sehr geehrte Pfarrerin Pundt-Forst,
sehr geehrte Presbyter, sehr geehrte Damen und Herren,

Meine heutige Kanzelrede orientiert sich an der diesjährigen Losung der evangelischen Kirchen:
„Suche Frieden und jage ihm nach!“
Es lohnt dabei ein weiterer Blick an die passende Stelle in Psalm 34. So heißt es dort:
„Meide das Böse, tu das Gute;
suche Frieden, und jage ihm nach!
Die Augen des Herrn blicken auf die Gerechten,
seine Ohren hören ihr Schreien.“

Wir müssen dabei nicht gleich an Gelbwesten in Frankreich denken, aber der Dreiklang aus
„Gutes tun“ – „Frieden suchen“ und „Gerechtigkeit üben“
ist mehr als inspirierend und – wie ich finde – mehr als aktuell für eine solche Kanzelrede.
Ich erlaube mir den Blick eines homo politicus einzunehmen, der in seinen bisher 55 Jahren immer
wieder versucht hat, das menschliche Wesen aus verschiedenen Perpektiven zu betrachten.
3 Perpektiven davon im Sinne von Menschen-Typen durfte ich dabei zumindest geographisch betrachtet näher kennenlernen: den Ruhrpottler, denn da komme ich her, den Bajuwaren, denn dort durfte ich meine ersten 10 Berufsjahre verbringen und im speziellen den Meerbuscher, mit dem meine Familie und ich seit über 20 Jahren mehr als nur die Postleitzahl teilen.
Hier bin ich nun seit einigen Jahren beratend aktiv und habe mir das Leitbild gegeben:
Denk nach – Denk vor – Denk anders!

Es ist also eine große Ehre für mich hier auf dieser Kanzel zu stehen und zu Ihnen sprechen zu dürfen; an einem Ort, an dem ich schon viele besondere Familien-Momente erleben durfte.

Wenden wir uns also dem Dreiklang
„Gutes tun“ – „Frieden suchen“ und „Gerechtigkeit üben“ zu.

„Ich tue Gutes“. Was ist das überhaupt? Mag sein, dass in biblischen Zeiten diese Frage einfacher zu beantworten war als heutzutage. Und natürlich gibt es Situationen von Krankheit, Armut oder Traurigkeit, wo es einfach und naheliegend ist, Gutes zu tun und das Richtige zu tun. Also gewissermaßen von Mensch zu Mensch. Aber darüberhinaus?

Wenn Politiker beispielsweise im Glauben an das Gute ein überdimensioniertes Sozialsystem bauen, dann mag das anfänglich wirklich eine gute Tat sein. Das mag auch einige Zeit eine solche Wirkung entfalten, vorallendingen immer auch im Vergleich zu der jeweiligen Vergangenheit. Leider aber machen Politiker die Rechnung ohne die Langzeitwirkung ihrer scheinbaren Gut-Tat. Denn langfristig führt ein überbordendes, bürokratisiertes und abstraktes Sozialsystem zu seiner Selbstzerstörung. Das ist keine Absicht. Es ist systemimmanent. Ich sage sogar: Es ist menschen-immanent. Denn der Mensch als Individuum schaut nicht großartig zurück und erst recht nicht weit nach vorn. Er schaut immer nur auf das ungefähre Jetzt, auf das Überleben von Individuum und Familie.
Oder besser: Heutzutage und Hierzulande auf sein Wohlergehen. Er kann gar nicht anders.
Diese Form des unbeabsichtigten und unbewussten Weg-Delegierens von „ich tue Gutes“ hin zu einem „der Staat tut Gutes“, also einem Mega-Sozial-Verwaltungs-System, ist auf Dauer brandgefährlich für den gesellschaftlichen Frieden. Die Gelbwesten beispielsweise setzen da ein deutliches Zeichen. Sie sind zwar in der Regel finanziell versorgt, fühlen sich aber – wie man so schön sagt – „abgehängt“. Mehr Geld ist da übrigens keine Lösung.

Das führt mich zu der Frage: Werden wir so eines Tages vom „Frieden“ abgehängt?
Die Losung gibt da fast schon die Antwort: Frieden muss man suchen. Jeder für sich. Noch mehr!
Man muss ihn jagen. Also mit anderen Worten, man muss ihn sehr bewusst, sehr intensiv und immer wieder neu erwirken. Man kann auch sagen: Frieden gibt es eigenlich nicht, es gibt nur die
Abwesenheit von Un-Frieden. Wenn man den Frieden nicht bewusst sucht, dann siegt immer der Un-Frieden. Das ist so etwas wie ein menschliches Naturgesetz. Denn so ticken wir. Leider. Das Gehirn ist evolutionär betrachtet eine Angriffs-Koordinierungs-Maschinerie, ein Gegen-Angriff-Warn-Sensor, ein Kino-Produzent der Sorte „der Feind lauert überall“, ein Mega-Informations-Filter, ein Fake-News-Ticker. Sie merken schon, ich habe mal in der Verteidigungsindustrie gearbeitet.

Deshalb ist das auch oft so wahnsinnig schwierig für uns im Kopf, den politischen Frieden im Sinne des internationalen Friedens bewusst zu suchen, sobald wir beispielsweise von „den Russen“ oder „den Chinesen“ hören. Unser Kopf-Kino verzerrt die Realitäten gewaltig.
Mit chinesischen Nachbarn hier in Büderich können wir gut in Frieden leben, die preiswerten Produkte aus chinesischer Produktion nehmen wir auch gerne, aber wenn von „den Chinesen“ die Rede ist, so erahnen wir ein Unwohlsein.
Es kann also durchaus passieren, dass wir uns unbewusst vom „Frieden“ abhängen, vom außenpolitischen wie vom gesellschaftlichen Frieden. Ein schleichender Prozess, dem wir uns bewusst entgegensetzen müssen.

Aus unserem Dreiklang fehlt noch der Schlüssel zu allem: „Gerechtigkeit üben“.
Im letzten Jahr hatten wir die schöne Gelegenheit, die Wände der Bethlehemkirche mit Kreide bemalen zu dürfen. Ich stand dann da also vor der weißen Wand und habe geschrieben:
„Wir sind über-gerecht. Wir wollen so sehr gerecht sein, dass es schon wieder un-gerecht ist.“
Gerechtigkeit ist ein unsagbar schwieriges Maß. Und trotzdem ist es im Kopf und im Herzen jedes Menschen das entscheidende. Der Mensch trägt dabei eine nahezu phantastische Eigenschaft in sich; er ist in der Lage, Gerechtigkeit situativ, individuell und subjektiv zu bewerten. Er schenkt regelrecht Gerechtigkeit, denn er hat gelernt, dass das oft die Grundlage dafür ist, Frieden zu schenken. Anderen und sich selber. Äußeren und inneren Frieden.
Wenn wir aber mehr und mehr dazu übergehen, Gerechtigkeit zu parametrisieren, zu benchmarken, in Euros bezifferbar zu machen, vom Individuum oder einer Situation zu entkoppeln, dann erzeugen wir genau den Un-Frieden, den wir aktuell sehen. Dann sind wir wieder bei den Gelbwesten.

Es ist natürlich sehr viel leichter, Gerechtigkeit zu schenken, wenn man auf etwas zurückgreifen kann, was einem die Souveränität gibt, richtig zu handeln. Das kann der Glauben sein. Denn wie hieß es so schön: „Die Augen des Herrn blicken auf die Gerechten.“
Wie hat es ein Musik-Professor vorletzten Samstag noch gesagt: „Glauben ist die Gewissheit, dass ich Fehler machen darf“. Interessanter Satz. Erstaunlicherweise im Kontext eines Workshops über Kirchenmusik. Aha. Stellen wir uns einmal die Frage, was dann Nicht-Glauben ist. Vielleicht so: „Nicht-Glauben ist die Gewissheit, dass ich keinen Fehler machen darf“.
Ein Großteil der deutschen Bevölkerung ist schon offiziell „nicht-glaubend“. Viele von denen, die getauft sind, im Alltag aber auch. Aha – ich darf also keinen Fehler machen. Anstrengend. Potential
zum Burnout würde ich sagen. Und wenn Sie sich einmal unsere Gesellschaft so ansehen, ganz in Ruhe, mit einer gewissen Distanz? Wie weit sind wir vom Burnout noch entfernt?

Ein Teilsystem unserer Gesellschaft ist schon mittendrin: Unsere Demokratie.
Meine These: Demokratie ist nichts für einen Staat. Demokratie ist was für Bürger.
Denn Demokratie kann man nicht verwalten, nicht delegieren, nicht sich selbst überlassen.
Und doch haben wir uns bequemlicherweise eingeredet, dass das geht. Geht aber nicht.

Um diesem Trend entgegen zu wirken, hätte ich einen ganz einfachen Vorschlag. Es geht hier um unsere Steuerabgaben, die wir mehr oder minder gerne abführen müssen. Eine ganz besonders perfide Form der Delegation übrigens. Warum kann man diese Direkt-Abgabe an den Staat nicht um ein paar Prozentpunkte senken und im Gegenzug eine Verpflichtung zum Spenden oder zum Sponsoring einführen. Das führt zu weniger Staat auf der einen Seite aber auf der anderen Seite zu
höherem Anreiz und Bewusstsein bei den Bürgern, sich mit Verantwortung und Gemeinwohl einmal ganz anders auseinanderzusetzen. Bewusst Projekte der eigenen Wahl fördern. Nicht delegieren, sondern selber verantworten. Gerade auch für Kirche. Gerade auch vor Ort. Das führt nach meiner
Überzeugung zu mehr Demokratie und so auch zu mehr gesellschaftlichem Frieden. Und das ist nur ein kleines Beispiel von vielen, wie wir unsere Gesellschaft umformen und weiterentwickeln könnten.

Denn der Dreiklang aus:
Politischem, gesellschaftlichem und innerem Frieden
ist aufs innerste verbunden mit dem Dreiklang von:
„Gutes tun“ – „Frieden suchen“ – „Gerechtigkeit üben“
Es ist fast so, als wenn beide Dreiklänge in voller Harmonie erklingen müssen, damit es dem Einzelnen und allen zusammen gut geht, damit also der bestmögliche Frieden herrsche.
Wenn wir verinnerlichen, dass
– man Frieden nicht bei Amazon bestellen kann.
– „Gutes“ kein „all inclusive“ Urlaub ist.
– und es „Gerechtigkeit“ nicht als App gibt,
und wenn wir darüberhinaus noch verstehen, dass das entscheidende Wort in der Jahreslosung nicht
„Frieden“ ist, sondern das Tu-Wort „suchen“, dann können wir als Spezies, als Gemeinschaft und als Individuum unsere Schwächen überwinden und in gemeinsame Stärke verwandeln.

Dazu müssen wir kräftig umdenken. Und das nicht irgendwann, sondern dringend.
Am besten sofort!
Das sage ich übrigens nicht als Politiker, denn die dürfen das leider nicht sagen.
Das sage ich als Bürger und als Vater.
Ich schließe mit dem Appell an uns alle: „Suche Frieden, und jage ihm nach!

Ralph Jörgens 24. Februar 2019, Kanzelrede in der Christuskirche Meerbusch-Büderich